TRIANGULUM
Jören Neelströms linkes Auge tanzte wie verrückt hin und her. Das rechte war noch nicht bereit, überhaupt irgendetwas sehen zu wollen. Das Leben war zurückgekehrt. Auf seiner Zunge schmeckte er immer noch den bitteren Geschmack des Kühlmittels. In ihm und um ihn herum war Eis. Er hatte all das schon einmal erlebt und wusste, dass die anhaltende Kälte lediglich einen Phantomschmerz darstellte, etwas, woran sich seine Körperzellen erinnerten. Doch es half nichts, er fror trotzdem.
Endlose Stunden trieb er von einem Dämmerzustand in den nächsten und versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen.
Luna tauchte auf. Sie stand stets an erster Stelle. Ein Delphin durchkreuzte ihr blasses Gesicht, zerteilte es wie ein Spiegelbild im Wasser, schwamm weiter. Immer wieder die Delphine, dachte er sich, sie verfolgten ihn sogar bis hierher.
In seiner Brust wüteten die gefürchteten Schmerzen. Vor vielleicht vier oder fünf Tagen hatte die Wiederbelebungsautomatik seinen Thorax geschlossen und vernäht. Wie alle Besatzungsmitglieder besaß Jören eigens für diese Mission Rippen aus Synthetikfasern, aufklappbar wie eine Doppeltür. Der Vitrifikationseinheit musste ein optimaler Zugriff auf die inneren Organe gewährt werden. Dennoch waren die Knochen noch immer mit lebenden Zellen seines ursprünglichen Körpers überzogen und diese reagierten entsprechend. Die Dosis des Betäubungsmittels war so abgestimmt, dass er nicht in die Bewusstlosigkeit zurückfiel und wirkte nur bedingt. Das Einfrieren und Auftauen eines Menschen war eine schmerzhafte und hochkomplexe Operation, die nicht allzu oft wiederholt werden sollte.
Jören hing an einem kompletten System lebenserhaltender Schläuche, das medizinische Programm überwachte seine Körperfunktionen. Es gab hier keine menschliche Seele, die ihm hätte helfen können. Alles hing von einer funktionierenden Automatik ab.
Der Tank hatte sich geöffnet. Verschwommen nahm er wahr, wie seine rechte Hand montiert wurde. Augenoptik, Hörsysteme und Stickerports saßen wieder an ihren Plätzen, doch ihre Reanimation warf mehr Probleme auf als die seines biologischen Restkörpers.
Er versuchte, sein linkes Auge auf einen festen Punkt zu fokussieren. Undeutlich erkannte er den Raum. Das Licht war auf halbe Leuchtkraft gedimmt, um nicht zu blenden. Eisige Dampfschwaden trübten die zittrige Sicht. Er befand sich in Kryo B, einem knapp sechs Meter durchmessenden Flachzylindermodul. Eines der vielen Einzelbauteile, aus denen sich die F.S. PROKORINOS zusammensetzte. Um ihn herum rumorte es leise und kontinuierlich. Die Geräusche beruhigten ihn, sagten sie ihm doch, dass das Schiff lebte. Die Kryotanks waren in gleichmäßigen Abständen entlang der gebogenen Wand angeordnet, beim Erwachen überblickte man sofort den Raum. Sofern man über funktionierende Augen verfügte.
Jören konzentrierte sich erneut auf den linken Augenmuskel und bemühte sich, ihn ruhig zu halten. Direkt vor ihm ragte eine Kühllagerereinheit empor, die Biomaterialien und Stammzellen enthielt. Sie verstellte den Blick auf den gegenüberliegenden Tank. Die beiden Einheiten rechts und links davon waren geschlossen. Hinter den länglichen Sichtscheiben nahm er verschwommen die Schemen von Edman und De Fries wahr. Soweit er es beurteilen konnte, befanden sich beide im verglasten Zustand. Ihre Brustkörbe klafften offen und es war keinerlei Bewegung festzustellen. Seitlich an den Tanks glommen die Statusanzeigen in blassgrün. Sah ganz nach dem Standbymodus aus, demnach tat sich dort überhaupt nichts. Jören bewegte den Kopf vorsichtig nach links, seine Halssehnen knisterten wie altes Holz. Am Rande seines Blickfeldes ragte der Tank von Makray herein. Die Gestalt hinter dem Glas war nicht zu sehen, doch auch hier glimmten die Anzeigen grün. Rechts von ihm lag Franzetti, doch bei dem Chirurgen waren die Anzeigen abgeschaltet.
Sämtliche Kryotanks in seinem Blickfeld verweilten im Ruhemodus. Jören Neelström war der Einzige, der wiederbelebt worden war. Das bedeutete nichts Gutes.